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INSEKTEN IN ALLER MUNDE
Und auf allen Tellern

Entomophagie ist die wohlklingende Bezeichnung für den Verzehr von Insekten. Was für die meisten Europäer skurril klingen mag, gehört in vielen Teilen der Welt zum normalen Essverhalten – und das seit Jahrhunderten. Besonders in tropischen und subtropischen Ländern wie Brasilien oder Thailand, hat der Verzehr von Grillen und Heuschrecken eine lange Tradition. Sie gelten als nahrhafte Proteinquelle und verfügen über eine für den Menschen günstige Nährstoffzusammensetzung.

BEITRAG VON

FYNN Strategist Thomas Oberrauch
Thomas Oberrauch
Strategist

In der Tat enthalten Insekten mehr Proteine als Nutztiere und sind zudem leichter verdaulich. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, weshalb Insekten in Mexiko teilweise höhere Preise erzielen, als so manch hochwertiges Fleisch. Zugleich ist die Zucht von Insekten vergleichsweise billig und einfach. Mehlwürmer beispielsweise, benötigen ein Achtel weniger Futter als Rinder oder Schweine und erzeugen nur einen Bruchteil der Treibhausgase – vom geringen Platzbedarf ganz zu schweigen.

 

 

WIR ESSEN UNS IN DIE KATASTROPHE
Die Weltbevölkerung wächst jedes Jahr um schätzungsweise 83 Millionen Menschen. 2050 sollen laut Vereinten Nationen rund 10 Milliarden Menschen die Erde bevölkern. Gleichzeitig steigt der Lebensstandard weltweit und damit die Nachfrage nach Fleisch und anderen Lebensmitteln um geschätzte 70%. Solch eine Ausweitung der Fleischproduktion ist aus diversen Gründen nicht möglich. Schon jetzt steht der Ressourcenverbrauch für ein Kilo Fleisch in keinem Verhältnis zum Endprodukt. So werden in Deutschland mehr als die Hälfte des Getreides und fast dreiviertel aller Ölsaaten an Nutztiere verfüttert. Die Überweidung durch Nutztiere trägt stark zum weltweiten Landverlust bei, sodass jährlich 12 Millionen Hektar Agrarfläche verloren gehen. Die Menschheit steht spätestens 2050 vor einem großen Problem: Wie sollen all die Menschen ernährt werden?

 

Insekten könnten ein Lösungsweg sein – davon ist auch die Welternährungsorganisation FAO überzeugt. Die kleinen Krabbler bestehen neben vielen Proteinen auch aus Magnesium, Eisen und zahlreichen Vitaminen. Die Haltung von Insekten ist einfach, da die Tiere genügsam sind. Eine simple Box reicht aus. Diese können platzsparend gestapelt werden, ohne den Tieren zu schaden. Auch beim Futter sind Insekten nicht wählerisch und begnügen sich mit Bioabfällen, die gleichzeitig den Wasserbedarf der wechselwarmen Tiere decken.

 

Das Verhältnis zwischen eingesetztem Futtermittel und Ertrag spricht dabei für sich: Wird für ein Kilo Rind das zehnfache an Futtermittel benötigt, begnügen sich 1 Kilo Insekten mit dem 1,7-fache an Futter. Zugleich liegt der Ausstoß an Treibhausgasen von Insekten bei einem Hundertstel gegenüber konventionellen Nutztieren.

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WENN DER GENUSS UNTER VORURTEILEN LEIDET
Trotz dieser Vorteile essen Menschen in westlichen Ländern selten Insekten. Teilweise sind sie skeptisch oder grundsätzlich abgeneigt, Lebensmittel die Insekten enthalten, zu essen. Wenig verwunderlich also, dass Insektensnacks in Europa ein Nischendasein fristen. Laut einer YouGov-Umfrage kann sich nur jeder 7. Deutsche vorstellen, Insekten zu essen. Bereits das Gefühl des Insekts im Mund zu haben, erzeugt eine negative Erwartung im Hinblick auf das Geschmackserlebnis. Die Probanden gingen von einem unangenehmen Geschmack aus, bevor sie das Insekt überhaupt richtig gekostet hatten.

 

Wie die Geschichte aber zeigt, unterliegen Essgewohnheiten sozialen und kulturellen Einflüssen und können sich dementsprechend ändern. So kannte man im Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts die Maikäfersuppe. Ebenso galt Hummer zu dieser Zeit als Essen für arme Leute und war als „Kakerlake des Meeres“ in der Bevölkerung verpönt. Erst mit den Jahren und einem rasant fallenden Angebot, wurde der Hummer zum Synonym für Erfolg und Reichtum. Bei jedem neuen Lebensmittel sind die Konsumenten vorerst skeptisch. Heute gelten Sushi und Shrimps auch bei uns als Delikatesse – noch vor dreißig Jahren hätten hierzulande viele das Angebot, kleine Happen mit kaltem Reis und rohem Fisch zu essen, dankend abgelehnt. Und auch bei Insekten zeigt sich, dass mehrfache Verkostungen die Bereitschaft der Probanden zur Entomophagie erhöhen. Alles also eine Frage der Gewohnheit und Offenheit gegenüber Neuem.

 

 

GEWOHNHEITEN DES MARKTES BEGREIFEN UND AUFBRECHEN
Wie gelingt es also, dem Konsumenten Insekten schmackhaft zu machen? Bekannt ist, dass Insekten in der westlichen Welt als unappetitlich und gesundheitsgefährdend wahrgenommen werden. Folglich nützt es wenig, einem zögernden Konsumenten von den vielen Vorteilen der Entomophagie zu erzählen. Das Gegenüber kann dadurch nicht ausreichend überzeugt werden, da das rationale Argument des Umweltschutzes nicht die unmittelbaren Bedenken der Person überwiegen. Ein erster Schritt den Kunden zu sensibilisieren, ist den Konsumenten in seiner Lebenswelt abzuholen und langsam an das Thema heranzuführen.

 

Zum Beispiel kann eine Praline mit sichtbaren Insektenteilen schnell überfordern. Viel besser wäre es, der Praline gemahlene Insekten in Pulverform beizufügen. Dadurch gibt es keinen „visuellen Schock“ und der Konsument nimmt das Produkt vorurteilsfrei wahr. Verkostungen zeigen, dass sich nach der ersten Überwindung, die Einstellung der Probanden deutlich verbessert und sich viele vorstellen können, noch einmal Insekten zu essen.

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Ein nächster Schritt könnte sein, das Interesse an insektenhaltigen Produkten weiter zu steigern – zum Beispiel durch die Positionierung als hochwertiges und hochpreisiges Lebensmittel. Nach dem Prinzip: Kunden erwarten bei höheren Preisen ein besseres Nahrungsmittel. Diese Erwartungen stehen in einer Wechselbeziehung mit den Produktbeurteilungen. Tatsächlich zeigen Untersuchungen, dass hochpreisige Insektenprodukte die Lebensmittelpräferenzen der Befragten positiv beeinflussen. Der Preis ist also ein wichtiger Faktor, wenn es darum gut, was auf dem Teller landet. Schlussendlich stellt sich nicht die Frage, ob sich Insekten als Nahrungsmittel etablieren werden, sondern in welcher Form und wie schnell.

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